Sie folgten ihr hinter einen Vorhang, wo ihr Bet-ort war. Anna öffnete die Türen eines kleinen Wandschranks, welcher ein Heiligtum in einer Büchse enthielt. Zu beiden Seiten befanden sich Lichter, ich weiß nicht ob Lampen. Man schob sie aus einem Behälter in die Höhe und steckte kleine Späne unter, damit sie nicht niedersanken. Man zündete die Lichter an. Ein gepolsterter Schemel stand zu Füssen dieser Art von Altärchen. —
In der Heiligtumsbüchse befanden sich Haare der Sara, die von Anna sehr verehrt war, Gebeine von Joseph, die Moses mit aus Ägypten gebracht hatte, etwas von Tobias, ich glaube eine Kleidungsreliquie und der kleine weiße schimmernde birnenförmige Becher, aus welchem Abraham bei dem Segen des Engels getrunken, und den Joachim aus der Bundeslade mit dem Segen erhalten hatte. — Ich weiß jetzt, daß dieser Segen Wein und Brot, eine sakramentalische Nahrung und Stärkung gewesen ist.
Anna kniete vor dem Schränkchen, zu ihren beiden Seiten eine der Frauen und die dritte hinter ihr. Sie sprach wieder einen Psalm, ich meine, es ward darin des brennenden Dornbusches Mosis erwähnt. —
Ich sah nun ein übernatürliches Licht die Kammer erfüllen und sich um Anna herum webend, verdichten. Die Frauen sanken wie betäubt auf ihr Antlitz. Das Licht bildete sich um Anna ganz zu jener Gestalt, welche der brennende Dornbusch Mosis auf Horeb hatte, so daß ich nichts mehr von ihr sah.
Die Flamme strahlte ganz nach innen, und ich sah nun plötzlich, daß Anna das leuchtende Kind Maria in ihre Hände empfing, in ihren Mantel einschlug, an ihr Herz drückte, dann nackt auf den Schemel vor das Heiligtum legte und noch fort betete. — Dann hörte ich das Kind weinen und sah, daß Anna Tücher hervorzog, die sie unter ihrem großen Schleier hatte, der sie verhüllte. Sie wickelte das Kind bis unter die Arme grau und rot darüber ein, die Brust, die Arme und der Kopf waren nackt. Nun war die Erscheinung des brennenden Dornbusches um sie verschwunden.
Die Frauen richteten sich auf und empfingen zu ihrer großen Verwunderung das neugeborene Kindlein auf ihre Arme. Sie weinten in großer Freude. Sie stimmten alle noch einen Lobgesang an, und Anna hob ihr Kind wie aufopfernd in die Höhe. Ich sah dabei die Kammer wieder voll Glanz und erblickte mehrere Engel, welche Gloria und Alleluja sangen.
Ich hörte alle Worte. Sie verkündeten, das Kind solle am 20. Tage Maria genannt werden. Anna ging nun in ihren Schlafraum und legte sich auf ihr Lager. Die Frauen aber wickelten das Kind auf, badeten es und wickelten es von neuem, worauf sie es zu seiner Mutter legten, neben deren Lager vorn oder gegen die Wand oder zu Füssen, wie man es wollte, ein kleiner geflochtener Gitterkorb befestigt werden konnte, um dem Kinde nach Wunsch seine Stelle nahe bei der Mutter und doch abgesondert zu bereiten.
Nun riefen die Frauen den Vater Joachim. Er kam zu Annas Lager, kniete nieder und weinte in Strömen auf das Kind; dann hob er es auf den Armen empor und sprach einen Lobgesang, gleich Zacharias bei Johannes' Geburt. Er erwähnte in diesem Psalm des heiligen Keimes, den Gott in Abraham gelegt und der in dem durch die Beschneidung versiegelten Bunde bei dem Volke Gottes fortgelegt, jetzt aber seine höchste Blüte in diesem Kinde erreicht habe und nach dem Fleische vollendet sei. Ich hörte in dem Lobgesange auch sagen, nun sei das Wort des Propheten erfüllt: „Ein Reis wird aus der Wurzel Jesse hervorsprossen."
Auch sagte er in großer Demut und Innigkeit, daß er nun gerne sterben wollte. Nachher erst bemerkte ich, daß Maria Heli, die ältere Tochter Annas, das Kindlein erst später zu sehen bekam. Wenngleich wohl schon einige Jahre Mutter der Maria Kleophä, war sie doch nicht bei Mariä Geburt zugegen, vielleicht weil sich dieses nach jüdischen Gesetzen nicht von der Tochter bei der Mutter geziemte.
Am Morgen sah ich die Knechte und Mägde und viele Leute der Gegend um das Haus versammelt. Sie wurden partienweise eingelassen, allen wurde das Kind von den Frauen gezeigt. Viele waren sehr gerührt, und manche besserten sich. — Die Benachbarten waren hierzu gekommen, weil sie nachts einen Glanz über dem Hause gesehen und weil Annas Niederkunft, als einer lang Unfruchtbaren, für eine große Gnade des Himmels gehalten wurde.
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