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Du betest ferner: und vergib uns unsere Schuld, als auch wir vergeben unsern Schuldigern.
O elender Mensch! wie oder was betest du hier. Solltest du nicht erstlich betrachten, ob du mein Jünger und Nachfolger wärest? Ob du alles von meiner Hand annehmest, was dir widriges von allen Menschen widerfähret? ob du alles verzeihest, vergebest und vergessest, was sie dir gethan, oder nicht gethan haben?
Du sprichst, ich soll dir deine Schuld vergeben, wie du deinem Beleidiger vergebest: wie vergiebst du denn ihm?
schlecht genug.
Du wünschest wohl, daß ihn der Teufel holete; daß ihn das Freischlich oder böse Krankheit erwürgete, daß er des jähen Todes stürbe; daß ihn Gott straffete, ja diß und das widerführe, ja du
sprichst wohl gar: ich wollte, daß ihn der Donner und das Wetter erschlüge, und daß er ewig müste verdammt seyn.
Siehe, und bedenke es wohl, so vergiebest du deinem Beleidiger, und bittest gleichfalls, dass ich dir auch also vergeben solle. Ja die allerbesten Christen, die die frömmesten seyn wollen, die sagen: ich will's ihm wohl vergeben aber doch vergessen kann ich es nicht.
O du bist weder warm noch kalt! Ach, daß du warm oder kalt wärest! ändere deinen Sinn oder ich muß dich ausspeyen.
Wärest du mein Jünger, oder mein Kind, oder ein rechtglaubiger Christ, du würdest dich wohl freuen, wann ich dir durch Menschen hülffe deine Feinde, als deinen Eigen -Willen, Eigen-Liebe und
ganzen alten Adam, tödten oder unterdrucken.
Stündest du in der rechten Verleugnung, du würdest zufrieden seyn, ich möchte dir dein Geld und Gut nehmen durch wen oder wie ich wollte; ja du würdest deine Feinde lieben, weil sie wider deine
ewige Feinde dir helffen streiten, und dich helffen erretten aus dem ewigen Gefängnis; ja, segnen, die dir fluchen, und für sie bitten, wenn sie dich beleidigen und zu mir sprechen: Vater, vergib
ihnen, sie wissen nicht was sie thun. Gib ihnen ihren inwohnenden Geist, der sie dazu antreibt, zu erkennen, und errette sie von ihren Seelen Feinden. Gib ihnen deinen heiligen Geist, und treibe
sie durch deinen heiligen Geist.
Aber so willst du deinen Beleidigern nicht vergeben, und bittest ebenfalls das von mir.
Bedenke, was du betest und bittest; ist es denn anders, als wenn du sprächest: Vater, ich will wissentlich diesem
Menschen, der mir diß und das gethan, nicht vergeben, darum vergib mir auch nicht. Ich verfluche und verdamme diesen; ehe ich nach deinem Willen thue oder lebe, so will ich lieber, daß du mich
auch verfluchest und verdammest; ehe ich dir wollte folgen und meinen Beleidigern nach deinem Willen vergeben, so will ich lieber ewig verdammt seyn.
Siehe, du vom Teuffel betrogener und verblendeter Mensch, so betest du, wenn du sprichst: Und vergib uns unsere Schuld, als auch wir vergeben unsern Schuldigern.
aus:
Tennhardts Vater Unser.
Oder: Wie's den Herrn jetzt um sein Gebet bedünkt.
TENNHARDT, Johann
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